Montag, 29. Mai 2017

Ein deutsches Leben



Mir gefällt das Wort von der "Gnade der späten Geburt". Es gemahnt uns daran, dass wir Glück hatten, nicht im Dritten Reich leben und im Zweiten Weltkrieg kämpfen zu müssen. Dass wir es allein einer glücklichen Fügung verdanken, in einer weit einfacheren Zeit groß geworden zu sein, sollte uns zudem davor bewahren, allzu selbstgerecht zu sein. Statt die Kriegsgeneration leichtfertig zu verurteilen, sollten wir zunächst einmal versuchen, sie zu verstehen.



Die Lektüre von Memoiren ist hierzu für gewöhnlich ein sehr guter Weg. Die gerade unter dem Titel „Ein deutsches Leben“ erschienenen Erinnerungen von Brunhilde Pomsel bilden da keine Ausnahme. Leider beging der Europa Verlag jedoch den Fehler, die Memoiren von einem Manne kommentieren zu lassen, dem das Wort von der Gnade der späten Geburt offenbar nichts sagt: Thore D. Hansen schreibt mit einer Selbstgerechtigkeit, wie man sie allenfalls von Mitgliedern der „68er Generation“ kennt.   

Statt die Leser einfach selbst urteilen zu lassen, gefällt sich der Autor darin, uns bereits im Vorwort vor den „Pomsels“ dieser Welt zu warnen: Denn „die Millionen Pomsels, die stets nur an ihr eigenes Fortkommen, ihre materielle Sicherheit denken und dabei Ungerechtigkeit in der Gesellschaft billigend in Kauf nehmen“ seien „gefährlicher als die radikale Stammwählerschaft von extremen Parteien.“ (S. 12)

Um sein unbestechliches moralisches Urteil und seine ungetrübte politische Weitsicht besser demonstrieren zu können, lässt sich Thore D. Hansen sogar dazu hinreißen, die Wahrheit zu verfälschen. Dies beginnt bereits mit der Charakterisierung von Brunhilde Pomsel, die er zu einer bedeutungsschweren Figur des Dritten Reiches stilisiert, die sie nie war. So spricht er von ihr als „Goebbels’ Sekretärin“, die „in den inneren Zirkel der Macht“ vordrang und „einem der größten Verbrecher der Geschichte so nahe kam wie nur wenige Menschen“. (7)

Nichts von alledem ist wahr. Die 1911 in Berlin geborene Brunhilde Pomsel war eine ganz einfache und bescheidene Frau. Nachdem sie bereits als Jugendliche davon träumte, einmal Sekretärin zu werden, absolvierte sie nach der Schule ein Volontariat bei einem jüdischen Prokuristen. Dort lernte sie Schreibmaschine und Stenographie und besuchte abends noch Kurse der Handelsschule.

Mitte 1929 fand sie eine Anstellung bei einem Nachbarn, dem jüdischen Versicherungsmakler Dr. iur. Hugo Goldberg. Als ihre Stelle 1932 gekürzt wurde und sie nur noch halbtags arbeiten durfte, suchte sie nach einer zusätzlichen Verdienstmöglichkeit. Durch die Vermittlung eines Freundes geriet sie an den Schriftsteller Wulf Bley, der gerade eine Sekretärin suchte, um ihm bei der Niederschrift seiner Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu helfen. Als Bley einige Monate später eine Stelle als Radiosprecher erhielt, bot er ihn an, sie zum Reichsrundfunk zu holen. Auf Anraten Bleys trat sie 1933 sicherheitshalber der NSDAP bei.

Der Rundfunk stand unter Kontrolle des „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“. Als man 1942 dort dringend eine Stenotypistin suchte, wurde sie kurzerhand dorthin versetzt. Im Propagandaministerium wurde sie nicht etwa „Goebbels’ Sekretärin“, sondern die Sekretärin von Kurt Frowein, dem damaligen „Reichsfilmdramaturgen“, der geplante Filmproduktionen zu prüfen hatte.

Goebbels hatte offenbar die Angewohnheit, reihum eine Sekretärin seines Ministeriums zu einem Essen zu sich nach Hause und zu einer Veranstaltung der Partei einzuladen. Auf diese Weise wurde Brunhilde Pomsel von Goebbels einmal in dessen Villa und einmal zu einer Oper eingeladen.

Um dennoch den Stab über Brunhilde Pomsel brechen zu können, greift Thore D. Hansen auf den hinlänglich bekannten, aber schlicht unhaltbaren Vorwurf zurück, dass sie hätte wissen müssen, „was die Machtübernahme durch Adolf Hitler bedeuten würde.“ (158) Ihre Erklärung: „Wir hatten ja insgesamt keine Ahnung, was da mit Hitler auf uns zukam“ (29),  lässt er nicht gelten. Seines Erachtens hätte offenbar schon 1933 jeder gewusst, dass Hitler nichts anderes im Schilde führe, als „die Welt zu erobern und die Juden auszurotten“.

Davon kann jedoch überhaupt keine Rede sein. Nicht nur, dass die Wähler von keinem solchen Plan wussten, auch Hitler selbst hatte keinen solchen Plan besessen. Adolf Hitler ist 1933 zum Reichskanzler gewählt worden, weil er versprochen hatte, das von Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit gezeichnete Deutschland wieder zu einer starken, geachteten und gleichberechtigten Nation zu machen. Und er ist 1938 wieder gewählt worden, weil er tatsächlich sein Wort gehalten hatte.

Wie versprochen, hatte Hitler den ungerechten und von allen Parteien gehassten Friedensvertrag von Versailles „Seite um Seite“ zerrissen. Er hatte die Deutschland 1919 gewaltsam entrissenen Provinzen – das Saarland, das Rheinland, das Sudetenland und das Memelland – „heim ins Reich“ geführt, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen.   

Vor allem aber war man ihm für seine sozialpolitischen Maßnahmen dankbar. Hierzu gehörten der Bau von mehr als zwei Millionen Familienhäusern, die Mietpreisbindung, die Ehestandsdarlehen, die Einführung des Kindergeldes, die Senkung der Kosten für den Besuch höherer Schulen, die Erhöhung der Renten, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Verlängerung des Urlaubs.

Wie auch Sebastian Haffner in seinem Buch „Anmerkungen zu Hitler“ ausführte, waren es diese außenpolitischen und sozialpolitischen Erfolge, die die Bevölkerung für Hitler jubeln ließen: „Die durch [Hitlers] Leistungen Bekehrten […] wurden im allgemeinen keine Nationalsozialisten; aber sie wurden Führergläubige. Und das waren […] wohl sicher mehr als 90 Prozent aller Deutschen.“ 

Bereits vor Jahrzehnten hatte der führende jüdische Holocaustforscher Raul Hilberg auch mit der Mär aufgeräumt, wonach Hitler von Anfang an den Plan besaß, alle Juden auszurotten: „1933 wusste niemand, was 1936 geschehen würde; 1936 wusste niemand, was 1939 geschehen würde; und 1939 wusste niemand, was 1942 geschehen würde. Es gab keinen vorgefertigten Plan zum Holocaust.“

Brunhilde Pomsel behauptete, dass sie „alles, was mit den Juden geschah, erst erfahren [habe], als ich selber aus der Gefangenschaft kam.“ (68) „Dass es Konzentrationslager gab, das wusste ich seit ewigen Zeiten, aber dass sie Menschen dort vergast und verbrannt haben – niemals.“ (114) „Das alles war ein Riesenverbrechen, darüber sind sich nachher alle klar gewesen. Aber damals…“ (112)

Hansen bestreitet kurzerhand, dass Pomsel nichts vom Holocaust wusste. Mit anderen Worten: Er bezeichnet sie als eine Lügnerin. Doch damit nicht genug. Schließlich fügt er sogar noch hinzu: „Und wenn Brunhilde Pomsel tatsächlich ‚nichts gewusst’ haben sollte, dann nicht, weil sie es nicht hätte wissen können, sondern weil sie es nicht wissen wollte.“ (141)

Zur Rechtfertigung für diese Unterstellung beruft sich Hansen auf eine Studie, die er jedoch trotz seines Anmerkungsapparats nicht benennt. Danach sollen anonyme Umfragen ergeben haben, „dass bis zu 40 Prozent der deutschen Bevölkerung vor Kriegsende vom Holocaust gewusst hatten.“ (142)

Man kann natürlich eine nicht genannte Studie schlecht kritisieren. Doch auf eine Zahl von 40 Prozent wird man allenfalls dann kommen können, wenn man bereits bloße Gerüchte um Masserschießungen hinter der russischen Front als „Wissen vom Holocaust“ auszugeben sucht. Über Auschwitz, Belzec, Majdanek, Sobibor und Treblinka ist vor der Befreiung durch die Rote Armee in Deutschland nichts öffentlich bekannt geworden.

Überhaupt ist es sowohl moralisch als auch rechtlich abwegig, zu behaupten, dass die Deutschen „von Mitwissern zu Mittätern“ geworden seien. Eine bloße Mitwisserschaft begründet noch lange keine Mittäterschaft. Um dies zu sehen, muss man sich nur einmal die Frage vorlegen, ob es gerechtfertigt wäre, alle Russen für die Verbrechen Stalins, alle Chinesen für die Verbrechen Maos und alle Kambodschaner für die Verbrechen Pol Pots verantwortlich zu machen.

Da es nur eine individuelle und keine kollektive Schuld gibt, hat Brunhilde Pomsel vollkommen recht, wenn sie jede persönliche Schuld von sich weist: „Diese ewige Frage nach der Schuld habe ich früh für mich beantwortet. Nein, ich habe keine Schuld.“ (126)

Nicht zu unrecht macht sie auf die Gegenwart und die derzeitigen Kriege im Nahen Osten aufmerksam. Hat sich heute wirklich etwas geändert? Haben wir tatsächlich aus der Geschichte gelernt? 1943 wurde Hans Scholl wegen Hochverrats hingerichtet, weil er die Bevölkerung über deutsche Kriegsverbrechen aufmerksam zu machen suchte. Was ist 2010 mit Bradley Manning geschehen, als er die Bevölkerung über amerikanische Kriegsverbrechen aufmerksam zu machen suchte? Er ist wegen Hochverrats zu 35 Jahren Haft verurteilt worden! Tagtäglich werden durch amerikanische Drohnenangriffe nicht nur vermeintliche Terroristen, sondern auch unschuldige Frauen und Kinder ermordet. Jeder Amerikaner weiß dies. Käme deswegen jemandem in den Sinn, buchstäblich alle Amerikaner für schuldig zu erklären?

Thore D. Hansen ficht dies offenbar nicht an. Im Stile einer Käßmann’schen Sonntagspredigt schreibt er: „Moralisch betrachtet ist Wegsehen allein schon eine Schuld, denn Leben heißt immer auch Mitleben.“ (143)

Ich kann vom Kauf seines Buches nur abraten.

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