Samstag, 18. März 2017

Warum hassen sie uns?



Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stellte George W. Bush die berühmte Frage: „Warum hassen sie uns?“ Die von ihm selbst gegebene Antwort lautete bekanntlich: „Sie hassen uns wegen unserer Freiheit!“ In diesem Artikel argumentiere ich, dass wir uns einer gefährlichen Illusion hingeben, wenn wir Terror-organisationen wie „Al-Qaida“ und den „IS“ als rein religiöse Fanatiker abtun. Sie hassen uns nicht so sehr wegen unseres Liberalismus, als vielmehr wegen unseres Imperialismus. Der islamistische Terrorismus lässt sich daher auch nur verstehen, wenn wir neben ihrer Religion auch unsere Politik ins Auge fassen.



Nach weit verbreiteter Ansicht befinden sich die Mudschahedin, Al-Qaida und der IS in einem „Dschihad“, einem heiligen Krieg gegen den Westen, der erst beendet sein wird, wenn die Ungläubigen sich zum Islam bekehren, den Gottesstaat anerkennen und sich der Scharia unterwerfen.

Die Scharia gilt als göttliches Gesetz. Sie verlangt die Todesstrafe für die Unzucht, den Ehebruch und den Abfall vom Glauben. Frauen müssen sich den Männern unterwerfen. Ohne die Genehmigung ihres Mannes dürfen sie das Haus nicht verlassen. Und wenn sie vor die Tür treten, müssen sie sich mit Abaya, Niqab oder Burka verhüllen.

Mit den drakonischen Strafen wie der öffentlichen Enthauptung, der Steinigung oder den Peitschenhieben gehen noch die archaischen Sitten der Ehrenmorde, der Kinderehe und der Beschneidung der Genitalien von Mädchen einher.    

Niemand von uns kann sich einen globalen Sieg der Dschihadisten, die Errichtung eines Gottesstaates und die Einführung der Scharia wünschen.

Doch ist dies überhaupt das Ziel der Dschihadisten? Sind die führenden Köpfe der Mudschahedin, von Al-Qaida und des IS tatsächlich rein religiöse Fanatiker, die von einem weltumspannenden Kalifat träumen und jeden Menschen als gottesfürchtigen Anhänger des sunnitischen Islam sehen möchten?

Wir Humanisten, die gegen den unheilvollen Einfluss der Kirchen kämpfen, neigen dazu, die Religion als die Wurzel allen Übels zu betrachten. Auch den Dschihadismus sehen wir so. Diese Sichtweise ist aber entschieden zu eng. Sie blendet die politischen Ursachen aus. Weit wichtiger noch: Sie hindert uns daran, den Dschihadismus zu verstehen und zu bekämpfen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Saudi-Arabien, Ägypten und der Iran nicht nur ihre wahhabitischen, sunnitischen und schiitischen Glaubensbrüder in Deutschland unterstützen, sondern auch eine aktive Missionierung betreiben. Diese Bemühungen verdanken sich offenkundig einer vornehmlich religiösen Motivation.

Doch wie man bereits an der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft ersehen kann, haben viele islamistische Gruppierungen politische Wurzeln. Unter dem Motto „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Und der Dschihad ist unser Weg.“ hatte sie sich gegen die britischen Kolonialherrschaft aufgelehnt.

Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, um die dortige kommunistische Regierung vor einem drohenden Sturz zu bewahren, strömten bekanntlich Tausende von Mudschahedin aus der ganzen islamischen Welt in Richtung Hindukusch, um die russischen Eindringlinge zu vertreiben. 

Unter dem Tarnnamen „Operation Cylone“ übernahmen die USA die Ausbildung, Bewaffnung und Finanzierung der Mudschahedin. Alles in allem unterstützte das Weiße Haus den Kampf gegen den Kommunismus mit sechs Milliarden Dollar. Neben amerikanischen Waffen erhielten die Mudschahedin auch Waffen aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan und Israel.

Dies war weder das erste noch das letzte Mal, dass sich die USA der Islamisten bedienten, um einen unliebsamen Gegner zu bekämpfen. In der „Operation Ajax“, in der man 1953 den demokratisch gewählten Präsidenten Irans, Mohammed Mossadegh, stürzte, suchte die CIA ebenfalls gezielt die Unterstützung der Kleriker. Mossadegh war ein Anhänger von Demokratie und Parlamentarismus. Doch das nützte ihm nichts. Als er beschloss, die für die Amerikaner und Briten lukrativen Ölquellen zu verstaatlichen, um die Iraner stärker an den Gewinnen zu beteiligen, musste er gehen.

Die Unterstützung von Islamisten erwies sich kurzfristig als ein Segen, aber langfristig als ein Fluch. Denn letztlich führten das Eingreifen im Iran und in Afghanistan zu Ayatollah Khomeini und zu Osama bin Laden.

1988 rekrutierte sich aus den in Afghanistan kämpfenden Mudschahedin das Terrornetzwerk Al-Qaida. Unter der Führung von Osama bin Laden verübte es weltweit Tausende von Anschlägen, unter anderem in Madrid, in London und in New York.

Osama bin Laden wird gerne als ein religiöser Fanatiker hingestellt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Wie der frühere CIA-Agent Michael Scheuer berichtet, war Osama bin Laden ein intelligenter, inspirierender, couragierter und charismatischer Führer, der die Anschläge seines Terrornetzwerkes nicht religiös, sondern politisch begründete. 

Sein Feind waren nicht die Ungläubigen, sondern Amerika. Er hasste die Vereinigten Staaten wegen ihrer militärischen Interventionen in Kuwait, in Somalia, im Sudan, in Afghanistan und im Irak. Er hasste die USA wegen ihrer Unterstützung der korrupten Golfmonarchien. Und er hasste die USA wegen ihrer Unterstützung Israels bei der Vertreibung der Palästinenser.

In einer im Jahre 2004 von Al Jazeera ausgestrahlten Videobotschaft erklärte er, dass ihm die Idee für den Anschlag auf die Twin Towers 1982 kam, als er während Israels Bombardierung des Libanon brennende Türme in Beirut sehen musste:

„Das Ereignis, das meine Seele berührte, war Israels Invasion des Libanon, die von den USA unterstützt wurde. Ich konnte die Bilder von toten Frauen und Kindern nie wieder vergessen. Als ich all das Blut der unschuldigen Menschen sah, dämmerte es mir, dass wir die Unterdrücker bestrafen und die Türme in Amerika zerstören müssen, um sie von der Ermordung unserer Frauen und Kinder abzuhalten.“

In dieser Botschaft beantwortete er auch George W. Bush’s rhetorische Frage „Warum hassen sie uns?“ Er sagte: „Wir hassen eure Freiheit nicht. Weshalb verüben wir beispielsweise keine Anschläge auf Schweden? Nein, wir kämpfen, weil wir freie Menschen sind und weil wir uns gegen eure Unterdrückung wehren. Wir werden euch so lange bombardieren, wie ihr uns bombardiert.“

Weshalb sind diese Aussagen weithin unbekannt? Weil es viel bequemer ist, Terroristen als religiöse Fanatiker abzutun, als sich mit ihrer durchaus legitimen Kritik an der amerikanischen Außenpolitik  auseinander zu setzen.

Es ist in diesem Zusammenhang auch mehr als bezeichnend, dass unsere Lückenpresse kaum über Chalid Scheich Mohammeds kürzlich veröffentlichten Brief an Barack Obama berichtete, der am 8. Februar 2017 im Miami Herald erschien. Der Wochenzeitung DIE ZEIT war der 18-seitige Brief des Drahtziehers von „9/11“ gerade einmal 5 Zeilen wert. Man zitierte lediglich, dass er Obama als „Schlange“ und als „Präsidenten der Vereinigten Staaten der Tyrannei“ bezeichnete.

Tatsächlich schrieb er, dass die Amerikaner am 11. September 2001 nur geernet hätten, was sie selbst gesät haben. Es sei schließlich Washington gewesen, das mit dem Terror begonnen habe. Wie Osama bin Laden rechtfertigte auch Chalid Scheich Mohammed die Aggressionen von Al-Qaida mit den Interventionen der USA.

Er machte den Amerikanern ihre „Regime Changes“ im Iran, im Libanon, in Afghanistan, in Kuwait, im Irak, in Libyen und in Syrien zum Vorwurf. Er erinnerte an den von den USA unterstützten Gaza-Krieg von 2014, in dem nach Angaben der UNO 1.814 Menschen ihr Leben verloren, über 70 Prozent davon Zivilisten. Er prangerte die Menschenrechtsverbrechen im Gefängnis von Abu Ghraib an, in denen etwa 100 Häftlinge zu Tode gefoltert wurden. Er gemahnte an die Verhörmethoden von Guantánamo und die Überführung von Häftlingen in ägyptische Folterkammern. Und er verurteilte die amerikanischen und israelischen Drohnenangriffe in Palästina, Afghanistan, Pakistan, Irak, Somalia, Libyen und dem Jemen.

Zum Schluss machte er noch einmal klar, dass es Al-Qaida nur um die Einmischung in islamische Staaten gehe: „Sie können ihre Militärbasen in Japan, Deutschland, Italien und anderen Ländern gerne behalten; doch auf muslimischem Boden werden wir keine amerikanischen Stützpunkte dulden.“

Auch der „Islamische Staat“ verfolgt mehr als nur eine rein religiöse Agenda. Sein erster offizieller Akt war deutlich politischer Natur. Als ihr Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, am 29. Juni 2014 in Mossul ein Kalifat ausrief, bestand seine erste Amtshandlung darin, das Sykes-Picot-Abkommen für null und nichtig zu erklären. Mit diesem am 16. Mai 1916 unterzeichneten Abkommen teilten die Briten und Franzosen große Teile des Osmanischen Reiches unter sich auf. 1916 tobte bekanntlich noch der Erste Weltkrieg. Dies hinderte die Briten und Franzosen jedoch nicht daran, schon einmal Pläne für die Aufteilung ihrer Kriegsbeute zu machen. Mit einem Lineal zogen sie eine künstliche Grenze vom Mittelmeer bis nach Persien. Alles, was oberhalb der Grenze lag, sollte den Franzosen zufallen, und alles, was unterhalb der Grenze lag, sollten die Briten erhalten. Auf diese Weise wurden auf dem Boden des Osmanischen Reiches fünf künstliche Staaten geschaffen: Frankreich erhielt das Mandat über Syrien und den Libanon und die Briten erhielten das Mandat über Palästina, Jordanien und den Irak.

Da die Briten und Franzosen mit der Bekämpfung Deutschlands alle Hände voll zu tun hatten, kamen sie auf die Idee, sich im Kampf gegen das Osmanische Reich der unterdrückten Araber zu bedienen. Sie schickten den in Kairo stationierten Geheimagenten Thomas E. Lawrence – besser bekannt als „Lawrence von Arabien“ – zum Emir von Mekka. Obgleich Lawrence das damals noch geheime Sykes-Picot-Abkommen kannte und wusste, dass die Briten und Franzosen das Osmanische Reich längst unter sich aufgeteilt hatten, versprach er dem Emir doch einen unabhängigen arabischen Staat, wenn er sich mit seinen Kriegern am Kampf gegen die Osmanen beteiligen würde. Als der Erste Weltkrieg 1918 erfolgreich beendet wurde, wollten die Briten und Franzosen plötzlich nichts mehr von einem unabhängigen arabischen Staat wissen. Die Araber haben diesen Verrat nie vergessen.

Wie Al-Qaida ist auch der IS gewissermaßen ein Kind der USA. Als George W. Bush 2003 unter dem Vorwand, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, in den Irak einmarschierte, beging er einen verhängnisvollen Fehler. Er ließ nicht nur die von Saddam Hussein geführte Baath-Partei zu einer „kriminellen Vereinigung“ erklären, sondern löste auch die irakische Armee und den irakischen Geheimdienst auf. Diese von heut auf morgen entlassenen Generäle, Offiziere, Soldaten und Geheimdienstleute bilden heute das organisatorische und strategische Herz des IS.

Die unter Saddam Hussein tätigen Offiziere der Armee und des Geheimdienstes waren keine religiösen Fanatiker. Obwohl mehrheitlich Sunniten, unterstützten sie die säkulare Baath-Partei. Es war der Hass auf die amerikanischen Besatzer, der sie zunächst in die Arme von „Al-Qaida im Irak“ (AQI), dann dem „Islamischen Staat im Irak“ (ISI), danach dem „Islamischen Staat im Irak und der Levante“ (ISIL) und schließlich des IS trieb.

Wenn der IS die USA heute gerne als „Schlange“ bezeichnet, hat dies einen durchaus verständlichen Hintergrund. Zwischen 1980 und 1988 führte der Irak mit Billigung und Unterstützung Amerikas einen Krieg gegen den Iran. Trotz offizieller Neutralität belieferten die USA den Irak mit Waffen. Da es aber nicht im Interesse des Weißen Hauses liegen konnte, dass sich Saddam Hussein der iranischen Raffinerien von Abadan bemächtigte, belieferte es zugleich auch den Iran mit Waffen. Darüber, dass sich der Irak während dieses Krieges amerikanischen, französischen und deutschen Giftgases bediente, ist man stillschweigend hinweggegangen. Erst als Saddam Hussein sich 1990 für die Kosten des Krieges durch die Ölfelder in Kuwait schadlos zu halten suchte, gab es einen „humanitären“ Aufschrei – neben den angeblich aus den Inkubatoren gerissenen Säuglingen diente der Giftgasangriff plötzlich zur Rechtfertigung des amerikanischen Einmarsches in Kuwait.


Besondere Wut lösten die von 1990 bis 2003 verhängten Sanktionen aus. Am 6. August 1990 verabschiedeten die Vereinten Nationen auf amerikanische Initiative ein Wirtschaftsembargo gegen den Irak, das lediglich „die medizinische Versorgung, Nahrungsmittel und andere lebensnotwendige Güter“ ausnahm. Da sich der Westen nicht an diese Ausnahmeregelung hielt und lange Zeit nicht einmal Medikamente ins Land ließ, kamen unter den Sanktionen mindestens eine Million Iraker ums Leben, die Hälfte davon Kinder.

Am 12. Mai 1996 wurde die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright in der Sendung „60 Minutes“ auf die Sanktionen angesprochen: „Eine halbe Million Kinder sollen mittlerweile gestorben sein. Das sind mehr Kinder, als in Hiroshima gestorben sind. Ist das den Preis wert?“ Albright antwortete kalt: „Ich denke, dass es den Preis wert ist.“ 1998 rechtfertigte sie die Sanktionen gegen den Irak sogar mit der zynischen Aussage: „Wenn wir Gewalt anwenden, dann deswegen, weil wir Amerika sind! Wir sind die unverzichtbare Nation. Wir haben Größe. Und wir blicken weiter in die Zukunft.“

Kann es wirklich verwundern, dass sich Teile der Machtelite des Irak nach dem Krieg, nach den Sanktionen und nach der Entlassung aus dem Dienst einer Organisation anschlossen, die Amerika zum Feind Nummer Eins erklärten und sich für die Gründung eines unabhängigen islamischen Staates aussprachen?

Der IS ist weit grausamer als es Al-Qaida je war. Vermutlich ist es sogar diese Grausamkeit, die ihm nicht nur radikale Muslime aus ganz Arabien, sondern auch aus Europa Zulauf finden lässt. Diese Menschen schließen sich dem Terrornetzwerk sowohl aus religiösen und existenziellen als auch aus sexuellen und sadistischen Gründen an. Dennoch verfolgt auch der IS ein klar umrissenes und recht begrenztes politisches Ziel: Die Gründung eines Kalifats, das neben Irak und Syrien auch die übrigen unter dem Sykes-Picot-Abkommen geschaffenen Staaten Libanon, Jordanien und Israel einschließt.

Man wird den IS sicher nie vernichtend schlagen können. Selbst wenn er gezwungen sein sollte, sein gegenwärtiges Territorium zu räumen, wird er sich lediglich zurückziehen, seine Arbeit vielleicht aus dem Untergrund fortsetzen oder sich einen neuen Namen zulegen. 

Dennoch wird man um eine militärische Auseinandersetzung mit dem IS nicht herumkommen. Wie die kürzliche Befreiung von Aleppo und die gegenwärtige Befreiung von Mossul zeigen, kann man den IS zur Aufgabe der von ihm besetzten Territorien zwingen. Angesichts der perfiden Taktik der Terroristen, sich in Schulen und Krankenhäusern zu verbergen und sich der ansässigen Bevölkerung als Schutzschilder zu bedienen, geht leider jede Befreiung mit einer großen Zahl von Todesopfern unter den Zivilisten einher.

Die vom IS besetzten Territorien zurück zu erobern, ist auch wichtig, um ihm den weiteren Zugang zum Öl abzuschneiden, mit dessen Verkauf er sich finanziert. Den IS zurück zu drängen oder sogar in den Untergrund zu treiben, erfordert jedoch ein politisches Umdenken in Washington. Donald Trump sollte sich mit Wladimir Putin für einen gemeinsamen Kampf gegen den IS verbünden. Und statt vollkommen kontraproduktive Sanktionen gegen Syrien und Iran zu verhängen, sollte man sie als Alliierte in den Kampf gegen den Terrorismus einbinden.

Zudem sollte Trump den von der demokratischen Kongressabgeordneten Tulsi Gabbard eingebrachten „Stop Arming Terrorist Act„ unterstützen, einen Gesetzentwurf, der nicht nur den Verkauf von Waffen an Al-Qaida und den IS, sondern auch an Staaten wie Saudi-Arabien, Katar und die Türkei verbietet, die im gegenwärtigen Syrien-Krieg nachweislich Terroristen mit Waffen beliefert haben.   

Um den IS dauerhaft zu schwächen, wird es letztlich aber unumgänglich sein, seine durchaus legitime Kritik an der amerikanischen Außenpolitik ernst zu nehmen. Dies ist kein „Appeasement“. Die militärischen Interventionen im Irak, in Libyen, in Syrien und im Jemen waren völkerrechtswidrig. Die Gründe für ein Einschreiten aus „humanitären“ Gründen waren weitgehend frei erfunden. Nicht nur im Irak, auch in Libyen und in Syrien ging es ausschließlich um ökonomische und geostrategische Interessen des Westens. Und schließlich: Selbst unverbesserliche Humanisten, die meinen, sich über das Selbstbestimmungsrecht der Völker hinwegsetzen zu können, sollten sich eine einfache moralische Frage vorlegen: Würde der Sturz eines autoritären Regimes wie das von Baschar al-Assad in Syrien nicht weit mehr Schaden verursachen als verhindern? Ich denke, ein Blick auf den heutigen Irak und das heutige Libyen dürfte diese Frage leicht beantworten. 




Zum Weiterlesen:

James Barr A Line in the Sand. Britain, France and the Struggle That Shaped the Middle East. 2011.

William Blum America’s Deadliest Export: Democracy. 2013.

Patrick Cockburn The Age of Jihad. Islamic State and the Great War For the Middle East. 2016.

Seymour M. Hersh The Killing of Osama bin Laden. 2016

Michael Scheuer Through Our Enemies’ Eyes. Osama bin Laden, Radical Islam and the Future of America. 2006.


Samstag, 12. November 2016

Die Zukunft einer Illusion



Im Herbst wird uns eine neue Welle der Religionskritik überschwemmen. Mit Richard Dawkins’ Buch „Der Gotteswahn“, Sam Harris’ „Das Ende des Glaubens“ und Christopher Hitchens’ „Der Herr ist kein Hirte“ stehen uns gleich drei rigorose Angriffe auf den Glauben ins Haus. Argumentativ bei weitem nicht so gut wie Norbert Hoersters „Die Frage nach Gott“, werden diese Bücher doch zweifellos ein weit breiteres Publikum erreichen. Vor allem aber werden sie die Debatte zur Religionskritik weg von rein theoretischen und hin zu eher praktischen Fragen lenken: Haben die Religionen dieser Welt alles in allem mehr Gutes oder Schlechtes bewirkt? Sind die Konflikte in Nordirland, Israel, Indien und anderswo nun religiös oder politisch motiviert? Ist die Religion wirklich die einzig verlässliche Grundlage unserer Moral? Haben religiöse Gefühle einen Anspruch darauf, nicht verletzt zu werden? Und wo genau liegen eigentlich die Grenzen der freien Religionsausübung?  



Einen der Einwände, den sich Dawkins & Co. immer wieder anhören müssen, ist der, dass die Religionskritik eine vergebliche Liebesmüh sei. Die Menschen hätten nun einmal ein angeborenes „metaphysisches Bedürfnis“, das nur durch die Religion zu befriedigen sei. Die neuen Aufklärer gäben sich daher auch einer bloßen Illusion hin, wenn sie allen Ernstes meinten, dass sich die Zahl der religiösen Menschen in nennenswertem Umfange reduzieren ließe. Doch ist die Kritik an der Religion tatsächlich eine reine Donquichotterie? Ist gegen den Glauben anzukämpfen genauso töricht wie gegen Windmühlen anzurennen? Ich glaube nicht. Ich denke, das Beispiel der ehemaligen DDR zeigt sehr schön, dass es kein angeborenes metaphysisches Bedürfnis gibt und eine religionskritische Erziehung durchaus fruchten kann. Nahezu allein durch die Verbannung des Religionsunterrichts aus den Schulen ist es dem DDR-Regime gelungen, die Zahl der Kirchenmitglieder von über 90 Prozent im Jahr 1949 auf unter 30 Prozent im Jahr 1989 zu senken. Trotz der deutschen Wiedervereinigung, der Rückkehr des Religionsunterrichts an die Schulen und enormer Anstrengungen einer Re-Christianisierung weigern sich die Brüder und Schwestern im Osten nach wie vor standhaft, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren.

Nun ist die Zahl, die nominell der evangelischen oder katholischen Kirche angehören, natürlich nicht sonderlich aussagekräftig. Schließlich kann man auch religiös sein, ohne offiziell einer Kirche anzugehören. Doch wie uns spätestens die 1998 vom Mannheimer Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) durchgeführte Internationale Sozialwissenschaftliche Umfrage zum Thema Religion gezeigt haben sollte, sind die konfessionslosen Ossis keineswegs verlorene Schafe, die ihr Heil außerhalb der Kirche suchen, sondern tatsächlich beinharte Atheisten. In der besagten Umfrage ist 40.000 Menschen aus 40 Nationen die „Gretchenfrage“ gestellt worden – darunter Amerikanern, Briten, Franzosen, Italienern, Russen, Australiern, Holländern und Deutschen. Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass die Ossis tatsächlich das gottloseste Volk auf Erden sind.

Während nur 8,2 Prozent der Amerikaner, 12,4 Prozent der Italiener, 31,7 Prozent der Briten, 37,8 Prozent der Westdeutschen und immerhin 48,2 Prozent der Franzosen nicht an Gott glaubten, bezeichneten sich ganze 74,2 Prozent der Ostdeutschen als Atheisten. Umgekehrt sagten 85,6 Prozent der Amerikaner, 83,3 Prozent der Italiener, 62,5 Prozent der Briten, 51,7 Prozent der Westdeutschen, 40,4 Prozent der Franzosen, aber nur 18.5 Prozent der Ostddeutschen, dass sie „an Gott glauben und immer an ihn geglaubt haben“.

Auf die Frage, ob es „ein Leben nach dem Tode“ gibt, antworteten 80,5 Prozent der Amerikaner, 72,6 Prozent der Italiener, 59,4 Prozent der Briten, 55,1 Prozent der Westdeutschen, 50,7 Prozent der Franzosen und lediglich 14,9 Prozent der Ostdeutschen mit „ja“. Trotz ihres Zweifels an Gott, an einer unsterblichen Seele und einem Leben nach dem Tode betrachteten die Ossis ihr Leben jedoch keineswegs als sinnlos. So widersprachen der Behauptung, dass das Leben keinen Sinn habe, beispielsweise nur 76,1 Prozent der Westdeutschen, aber 86,3 Prozent der Ostdeutschen.  

Wer meint, dass uns die Religiosität gewissermaßen in die Wiege gelegt worden ist, wird vielleicht mutmaßen, dass die Ostdeutschen dafür abergläubischer seien als die Westdeutschen. Doch weit gefehlt! Die Ossis glauben weniger an Horoskope, Glücksbringer, Wahrsager und Wunderheiler als die Wessis. Während in den alten Bundesländern beispielsweise 9 Prozent auf die Astrologie schwören, sind es in den neuen Bundesländern nur 4 Prozent. Zudem sind die Ostdeutschen auch weit weniger wissenschaftsfeindlich als die Westdeutschen. Während im Westen 21,5 Prozent der Ansicht sind, dass wir „zu viel Vertrauen in die Wissenschaft und zu wenig in den religiösen Glauben setzen“, sind es im Osten nur 11.9 Prozent, die dieser Aussage beipflichten.

Im Westen sagt man gern, dass der Osten mit dem Kommunismus eine „Ersatzreligion“ gehabt habe, in der Marx zu Gott, das Kommunistische Manifest zur Bibel und der Kreml zum Vatikan erhoben wurden. Doch davon kann überhaupt keine Rede sein. Abgesehen von einer durchaus überschaubaren Zahl von Apparatschniks – von den knapp 2,3 Millionen SED-Mitgliedern dürften gut die Hälfte bloße Opportunisten gewesen sein, die sich unmittelbar nach dem Fall der Mauer auch als „Wendehälse“ entpuppten – waren die Ossis keine „gläubigen Kommunisten“. Sie wussten sehr wohl, dass sie in einer stalinistischen Diktatur leben, in der ihre Menschenrechte beschnitten und ihr Selbstbestimmungsrecht missachtet werden. In 26 Jahren DDR bin ich persönlich niemandem begegnet, der die „Aktuelle Kamera“ der „Tagesschau“ vorgezogen hätte. Allein die bedauernswerten Bewohner der Oberlausitz, dem „Tal der Ahnungslosen“, mussten mit dem „Schwarzen Kanal“ vorlieb nehmen und auf „Kennzeichen D“ verzichten.  

Angesichts des weit verbreiteten und anhaltenden Atheismus in der DDR lässt sich nur schwer an ein „metaphysisches Bedürfnis“ der Menschen glauben, das schier unausrottbar ist. Da niemand das Experiment des „real existierenden Sozialismus“ wiederholen wollte, stellt sich die Frage, ob der Religionskritik im Westen jemals ähnliche Erfolge beschieden sein könnten wie im Osten. Ich selbst bin zuversichtlich. Doch ich glaube, dass die Religionskritik nur einer von vier Faktoren ist, der die zunehmende Abkehr vom Glauben befördern wird. Die Bildung, die Kirche und die Theologie werden meines Erachtens das ihre dazu beitragen.

Der enorme Einfluss der Bildung, der möglicherweise hauptverantwortlich für den Schwund der Religiosität in Westeuropa ist, lässt sich vielleicht an keinem anderen Beispiel so gut demonstrieren wie an dem der USA. Während in der herkömmlichen Bevölkerung etwa 92 Prozent an Gott glauben und nur 8 Prozent Atheisten sind, ist es in der intellektuellen Elite, der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften, genau umgekehrt: Unter den führenden US-Wissenschaftlern glauben nur 8 Prozent an Gott und 92 Prozent sind Atheisten.    

In seinem 1927 erschienenen Buch „Die Zukunft einer Illusion“ schrieb Sigmund Freud, dass die Religion drei Funktionen habe – sie soll die Welt erklären, moralische Orientierung bieten und seelischen Trost spenden. Nachdem die Religion die Funktion der Welterklärung längst an die Wissenschaft abgetreten hat, bleiben nur noch die Funktion der Moral und der Hoffnung. Doch um beide ist es mittlerweile eher schlecht bestellt. Moralisch fühlen sich zunehmend weniger in der Religion aufgehoben. Während die katholische Kirche mit ihren rigorosen Positionen mehr und mehr Menschen vor den Kopf stößt, scheint die evangelische Kirche mit ihren liberalen Positionen mehr und mehr Menschen zu entfremden. Wenn die Kirchen zu so grundlegenden Fragen wie der Empfängnisverhütung, dem Schwangerschaftsabbruch, der Sterbehilfe oder der Homosexualität keine einheitlichen Antworten mehr bieten, werden die Gläubigen, die sich moralische Orientierung von ihren Geistlichen versprochen hatten, zwangsläufig zu dem Schluss gelangen, dass sie sich genauso gut an die säkulare Ethik wie an die religiöse Ethik wenden können.

Ähnlich armselig ist es um den seelischen Trost bestellt. Nachdem evangelische Theologen wie Rudolf Bultmann und Dorothee Sölle es vorgemacht haben, folgen nun auch katholische Theologen wie Hans Küng und Eugen Drewermann der bewährten Defensivtaktik, die Religion auszuhöhlen und den Gottesbegriff bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. So beschreibt Küng Gott etwa als „absolutes-relatives, diesseitiges-jenseitiges, transzendentes-immanentes“ Wesen, das „durch keinen Begriff zu begreifen, durch keine Aussage auszusagen und durch keine Definition zu definieren“ ist. Angesichts solch leerer Worthülsen werden sich schon bald mehr und mehr Christen besorgt fragen: „Was zum Teufel habe ich von einem Gott, der existent-inexistent ist? Ist ein solcher Gott nicht genauso gut wie gar kein Gott?“ Vor genau diesem Hintergrund mag dem „neuen Kreuzzug der Atheisten“, wie Der Spiegel ihn unlängst süffisant nannte, langfristig durchaus ein Sieg beschieden sein.

Samstag, 29. Oktober 2016

Das verkaufte Geschlecht



Die guten, alten Zeiten, in denen der Geburtshelfer einer von den Wehen erschöpften Mutter mit strahlendem Lächeln verkünden konnte „Es ist ein Mädchen!“, scheinen nun endgültig vorbei. Dank eines neuen genetischen Tests kann jetzt jede Frau schon ab der 5. Schwangerschaftswoche erfahren, ob sie ihr Kinderzimmer blau oder rosa streichen sollte. Alles, was die werdenden Mütter hierfür tun müssen, ist, ihren Laptop einzuschalten, auf die Website von PregnancyStore.com zu gehen und sich für umgerechnet etwa 250 Euro den so genannten „Baby Gender Mentor“ zu bestellen. In diesem Test-Kit, der ihnen ohne zusätzliche Versandgebühren innerhalb von nur 24 Stunden zugestellt wird, finden sie einen Schwangerschaftstest, eine sterile Nadel, ein Blatt Litmuspapier und einen frankierten Rückumschlag von Federal Express. Ein kleiner Stich in den Finger und zwei Tropfen Blut auf das Papier genügen, um die Probe geradewegs an das Acu-Gen Labor in Lowell, Massachusetts, verschicken zu können. In lediglich 3 Tagen erhalten sie dann eine E-Mail, die ihnen mit einer kaum zu schlagenden Zuverlässigkeit von 99,9 Prozent das Geschlecht ihres Babys verrät. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich das Labor mit seinem Testergebnis irrt, gibt es eine „200 Prozent Geld-zurück-Garantie“. Mit anderen Worten: Wenn eine Frau, die 250 Euro für den Test ausgegeben hat, statt des angekündigten Mädchens einen Jungen zur Welt bringen sollte, bekommt sie 500 Euro zurück!



Was wie ein Angebot klingt, das man nicht ablehnen kann, sorgt in den Vereinigten Staaten derzeit für einen heftigen Streit. Wissenschaftlerinnen wie Diana Bianchi von der Tufts University, die bereits seit zwei Jahrzehnten an der Entwicklung eines DNA-Tests aus mütterlichem Blut arbeitet, bezweifeln die Zuverlässigkeit des Baby Gender Mentors. Insofern fetale Zellen nur in einem Verhältnis von etwa 1 zu 1 Million im mütterlichen Blut schwimmen, lassen sie sich nur mühevoll herausfischen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft Mittel und Wege finden werden, die es uns erlauben, kindliche Zellen aus dem mütterlichen Blut zu isolieren“, meint Bianchi. „Doch ich glaube, dass wir noch mindestens 5 Jahre davon entfernt sind“.

Joe Leigh Simpson vom Baylor College of Medicine in Houston ist ebenfalls skeptisch. Simpson, dem es bereits 1991 gelungen ist, fetale Zellen mit Hilfe eines Antikörpers namens CD71 zu isolieren und auf Trisomie 21 zu testen, hat sich mit dem Geschäftsführenden Direktor von Acu-Gen Biolab Inc., einem Mann namens Dr. C. N. Wang, in Verbindung gesetzt. „Auf seiner Website behauptet das Labor, den Baby Gender Mentor in einer 14-jährigen Versuchsreihe an mehr als 20,000 Babies getestet zu haben. Als ich höflich um die Zusendung der Ergebnisse der klinischen Studie bat, hieß es, dass man die Testergebnisse erst der Öffentlichkeit zugänglich machen werde, wenn man den Baby Gender Mentor patentiert habe. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, doch für mich klingt das, ehrlich gesagt, nach einem Ausweichmanöver.“

Die breite Öffentlichkeit stört der Streit der Wissenschaftler wenig. Seit der Baby Gender Mentor von Holly Osburn aus Glastonbury in Connecticut in Amerikas beliebtester Fernsehsendung, der NBC Today Show, vor laufender Kamera getestet worden ist, sollen Tausende von Frauen den Test-Kit sogleich online bestellt haben. Sherry Bonelli, die Präsidentin von PregnancyStore.com, dem einzigen Vertreiber des Baby Gender Mentor, schaut denn auch voller Zuversicht in die Zukunft. Da in den USA jedes Jahr etwa 4 Millionen Babys zur Welt kommen und rund die Hälfte aller Mütter das Geschlecht ihres Kindes gerne im voraus erfahren möchte, darf sie sich auf einen Umsatz in Milliardenhöhe freuen. Auf die Zweifel der Wissenschaftler antwortet sie mit der lakonischen Bemerkung, dass sie doch nur neidisch auf Acu-Gen Lab seien.

Die amerikanischen Lebensschützer wie etwa „ProLife“ haben ganz andere Sorgen. Sie befürchten, dass der Baby Gender Mentor die Zahl der jährlichen Abtreibungen dramatisch erhöhen könnte. Viele Frauen, so argwöhnen sie, mögen ein enttäuschendes Testergebnis zum Anlass nehmen, einen selektiven Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. So könnten Paare, die sich auf einen Jungen gefreut hat, beispielsweise dazu ermuntert werden, ihr ungeborenes Kind abzutreiben, nur weil es ein Mädchen ist.

Diese Sorge scheint in der Tat nicht ganz unberechtigt. Denn wie die Ökonomen Gordon Dahl und Enrico Moretti vom National Bureau of Economic Research in Cambridge, Massachusetts, kürzlich gezeigt haben, hängen amerikanische Männer nach wie vor einem Stammhalter-Denken an. Bei der Auswertung US-amerikanischer Bevölkerungsstatistiken der letzten 60 Jahre haben die Forscher entdeckt, dass Ehen mit einer Tochter 5 Prozent häufiger geschieden werden als Ehen mit einem Sohn. Die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung nimmt dabei mit der Zahl der Töchter noch zu. Ehen mit zwei Mädchen werden 8 Prozent häufiger geschieden als Ehen mit zwei Jungen. Und Ehen mit drei Töchtern werden 13 Prozent häufiger geschieden als Ehen mit drei Söhnen.  

Dass die unterschiedlichen Scheidungsraten tatsächlich auf einer männlichen Vorliebe für Stammhalter beruhen, wurde deutlich, als man sich die Sorgerechtsklagen der vergangenen zwanzig Jahre ansah. Geschiedene Männer sind weit häufiger bereit, vor Gericht zu ziehen und um das Sorgerecht für ihre Kinder zu kämpfen, wenn sie Söhne haben als wenn sie Töchter haben.

Den vielleicht schlagendsten Beweis dafür, dass Männer Söhne gegenüber Töchtern bevorzugen, lieferte eine Untersuchung so genannter „Shotgun Marriages“: Wenn unverheiratete Paare ein Baby erwarten und eine Ultraschalluntersuchung ergibt, dass es ein Junge ist, heiraten sie nachweislich häufiger als wenn es ein Mädchen ist.  Für einen Sohn, so scheint es, sind Männer weitaus eher bereit, ihre schwangere Freundin sogleich zum Altar zu führen.

Kathy Hudson, Direktorin des Genetics and Public Policy Center der Johns Hopkins University in Baltimore, fürchtet, dass diese Forschungsergebnisse weitreichende soziale Konsequenzen haben könnten. „Auf der Grundlage der Daten von Dahl und Morietti muss man davon ausgehen, dass viele Paare den Baby Gender Mentor dazu nutzen werden, um sich den Wunsch nach einem Stammhalter zu erfüllen. Wenn Jungen erst einmal das Gros der erstgeborenen Kinder ausmachen, werden mehr und mehr Mädchen mit dem Gefühl aufwachsen müssen, nur zweite Wahl zu sein.“

Nachdem der Baby Gender Mentor Anfang dieses Jahres den australischen und den britischen Markt erobert hat, ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis er auch den deutschen Markt erreichen wird. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Hans-Rudolf Tinneberg, sieht jedoch keinen Grund zur Beunruhigung. „Anders als in den Vereinigten Staaten besteht in Deutschland keinerlei Anlass zu der Annahme, dass Frauen ein vollkommen gesundes Baby abtreiben werden, nur weil es nicht dem von ihnen erhofften Geschlecht entspricht. Aus Repräsentativbefragungen, die unser Giessener Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Auftrag gegeben hat, wissen wir, dass zwei Dritteln aller Deutschen das Geschlecht ihrer Kinder gleichgültig ist. Diejenigen, denen das Geschlecht nicht egal ist, wünschen sich Kinder beiderlei Geschlechts - zumeist einen Jungen und ein Mädchen.“

Nach Tinnebergs Studie, die in der aktuellen Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift „Fertility and Sterility“ publiziert worden ist, unterscheiden sich Amerikaner und Deutsche vor allem hinsichtlich ihrer Hoffnung auf einen Stammhalter. Während sich in Deutschland nur noch 14 Prozent einen Jungen wünschen, sehnen sich in Amerika immer noch 39 Prozent nach einem erstgeborenen Sohn.

Wie eine noch unveröffentlichte Untersuchung von Tinnebergs Kollegen, der Gynäkologin Susanne Grüßner und dem Psychotherapeuten Burkhard Brosig, zeigt, mag das Stammhalter-Denken in Deutschland inzwischen sogar ganz der Vergangenheit angehören. Von 263 schwangeren Frauen, die vor ihrer ersten Ultraschalluntersuchung nach ihrer Geschlechterpräferenz befragt worden sind, wünschten sich 8 Prozent einen erstgeborenen Sohn und 18 Prozent eine erstgeborene Tochter.

Während die Einführung des Baby Gender Mentors in Deutschland wohl ohne gesellschaftliche Folgen bliebe, könnte sie in Indien geradezu verheerende soziale Konsequenzen haben. Nach Amartya Sen, dem indischen Ökonomie-Nobelpreisträger, fehlen weltweit etwa 100 Millionen Frauen. Allein 37 Millionen dieser „Missing Women“, wie er sie bezeichnet, entfallen auf Indien, wo Religion und Tradition seit Jahrhunderten für eine so ausgeprägte Bevorzugung von Söhnen gesorgt haben, dass jedes Jahr Tausende von Mädchen abgetrieben, ausgesetzt oder gar gleich nach der Geburt getötet werden.

Nach einer im Januar in der britischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichten Untersuchung von Prabhat Jha vom Center for Global Health Research in Toronto sollen allein in den letzten beiden Jahrzehnten in Indien 10 Millionen weiblicher Feten abgetrieben worden sein. Das bedeutete, dass jedes Jahr etwa eine halbe Million indischer Kinder nicht das Licht der Welt erblicken, nur weil sie Mädchen sind. Diese nahezu unglaubliche Zahl von selektiven Abtreibungen ist durch die Einführung der Ultraschalldiagnostik ermöglicht worden, die es den Müttern ab der 16. Schwangerschaftswoche erlaubt, sich das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes bestimmen zu lassen. Die Kombination von pränataler Diagnostik und selektiver Abtreibung hat dazu geführt, dass in manchen indischen Bundesstaaten, wie etwa Punjab, Haryana oder Gujarat, auf 1000 Jungen heute nur noch 793 Mädchen geboren werden.

Mit dem Erlass des so genannten „Prenatal Diagnostic Techniques and Prohibition of Sex Selection Act“ hat das indische Parlament bereits 1996 die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung zu nicht-medizinischen Zwecken gesetzlich verboten. Ärzte, die dem Gesetz zuwider handeln, müssen mit einer Geldstrafe in Höhe von 50.000 Rupees, dem Entzug ihrer Approbation oder gar einer Gefängnishaft von 5 Jahren rechnen. Dennoch gehen die selektiven Abtreibungen nahezu unvermindert weiter. Offenbar sind die religiösen und ökonomischen Ursachen der Bevorzugung von Jungen zu tief im Alltag der meisten Inder verwurzelt.

Nach hinduistischem Glauben kann ein Mann nur dann in den Himmel der Seligen gelangen, wenn er einen Sohn hinterlässt, der die Totenopfer vollzieht. Wer es versäumt, einen männlichen Nachfahren zu zeugen, dem zürnen die Ahnen und der muss nach dem Tod in die Hölle hinabsteigen. Vielleicht noch viel entscheidender ist jedoch die Tradition der Mitgift. Die indische Sitte schreibt vor, dass die Eltern der Braut Geld an die Familie des Bräutigams zu zahlen haben. Um ihre Tochter zu verheiraten, müssen die Inder oft tief in die Tasche greifen. Die Mitgiftzahlungen reichen von 25.000 bis zu 500.000 Rupies. Dies entspricht durchschnittlich etwa drei Jahresgehältern. Eine oder gar mehrere Töchter unter die Haube zu bringen, kann für viele Inder daher den finanziellen Ruin bedeuten. Und genau diese Situation, mit Söhnen reich, mit Töchtern aber arm zu werden, hat dafür gesorgt, dass sich so viele Inderinnen heute zu einer Abtreibung weiblicher Feten entschliessen. Die Kliniken, die Ultraschalluntersuchungen zur Bestimmung des Geschlechts anbieten, locken ihre Kundschaft daher bezeichnenderweise auch mit dem Slogan „Investiere 500 Rupies jetzt, spare 50.000 Rupies später.“

Man hatte lange gehofft, dass eine bessere Ausbildung und gesteigerte Verdienstmöglichkeiten der Mädchen der traditionellen Bevorzugung von Jungen ein Ende bereiten werde. Doch wie die kürzlich erschienene Untersuchung von Jha zeigt, sind es vor allem die gut ausgebildeten und gut verdienenden Frauen in Indien, die von der Ultraschalldiagnostik und der selektiven Abtreibung weiblicher Feten Gebrauch machen. Frauen, die ein Abitur haben, treiben ein Mädchen etwa doppelt so häufig ab wie Frauen, die Analphabeten sind.

Diese indischen Frauen sind offensichtlich die perfekte Zielgruppe für die Marketingexperten von PregnancyStore.com. Acu-Gen Biolabs CEO, Dr. C. N. Wang, beteuert zwar, dass der Baby Gender Mentor nicht in Länder mit einer nachweislichen Bevorzugung von Jungen vertrieben werde. Doch was ist von dem Versprechen eines Mannes zu halten, der in einem anderen Zusammenhang gesagt haben soll: „Wir liefern lediglich die Information. Was die Paare mit dieser Information machen, ist allein ihre Verantwortung.“


Sonntag, 9. Oktober 2016

"Creation": Der liebe Gott und das Leid der Tiere






Charles Darwins „Evolution durch natürliche Selektion“ gilt weithin als die größte Idee in der Geschichte der Wissenschaft. Seit ihrem ersten Bekanntwerden im Jahre 1859 gilt sie aber zugleich auch als die vielleicht gefährlichste Idee aller Zeiten. Obgleich es mit Spinoza, Hobbes, La Mettrie, Hume, Voltaire oder d’Holbach durchaus schon eine Vielzahl von Skeptikern gab, glaubte die Mehrheit der Menschen zu dieser Zeit doch noch an die Bibel, wonach Gott diese Welt mitsamt aller ihrer Kreaturen in sieben Tagen geschaffen hat. 



Darwin, der in seiner Jugend an der University of Cambridge zunächst Theologie studiert hatte, war sich der Sprengkraft seiner Idee auch sehr wohl bewusst. Wenn seine Idee richtig war, sagte er sich, hätte er Gott gewissermaßen arbeitslos gemacht. Schließlich bedurfte es jetzt keines Schöpfers mehr, um die Vielfalt der Arten und die Zweckmäßigkeit der Natur zu erklären.

Einige Freunde Darwins gingen freilich noch entschieden weiter. Sie behaupteten allen Ernstes, dass er Gott getötet habe. Getauft als Anglikaner und verheiratet mit einer tiefgläubigen Unitarierin, bereitete ihm die Idee der Evolution über Jahre schwere Gewissensnöte.

Genau an dieser Stelle setzt Jon Amiels wunderbarer Film „Creation“ ein. Es zeigt, wenn auch in einer frei erfundenen Geschichte, wie Charles Darwin im Jahre 1858 von Skrupeln geplagt die Veröffentlichung seines Hauptwerkes immer wieder hinauszögert.

Hinzu kommt, dass Darwin nach dem Tod seiner ältesten Tochter „Annie“, die im zarten Alter von gerade einmal zehn Jahren von einem heimtückischen Fieber dahingerafft wird, in regelmäßigen Abständen unter Anfällen einer tiefen Schwermut leidet. 

In Rückblicken und Tagträumen spricht er mit „Annie“, deren aufgeweckten Geist und unerschöpfliche Neugierde ihm stets ein Quell der Freude waren. Aber ihr Ableben stellt Darwin vor das Theodizee-Problem: Wie kann ein barmherziger Gott all das Leid in dieser Welt zulassen?

Durch die Evolutiontheorie hat sich das Problem der Theodizee noch verschärft. Denn nun war die Welt nicht mehr nur einige tausend Jahre, sondern einige Milliarden Jahre alt. Und das hieß, dass es das Leid schon weit länger als den Menschen gab. Wie kann also ein vermeintlich allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott das namenlose Leid der Tiere dulden?

In seiner erst posthum erschienenen Autobiographie schrieb Darwin denn auch: „Dass es viel Leid auf Erden gibt, bestreitet keiner. Man hat das – soweit es den Menschen betrifft – damit zu erklären versucht, dass es seiner sittlichen Besserung diene. Aber die Zahl der Menschen ist wie nichts im Vergleich mit der aller anderen fühlenden Wesen. Diese leiden oft erheblich ohne die Möglichkeit einer sittlichen Besserung. Ein Wesen, das so mächtig und kenntnisreich ist wie ein Gott, der das Universum erschaffen konnte, erscheint unserem begrenzten Geist allmächtig und allwissend, und es beleidigt unser Verständnis, dass sein Wohlwollen nicht unbegrenzt sein soll, denn was für einen Vorteil könnte das Leiden von Millionen niederer Tiere durch fast endlose Zeiten hindurch haben?“

Um sich ein Bild vom Leiden der Tiere zu machen, lohnt es, einen Absatz aus dem Werk eines zeitgenössischen Evolutionsbiologen zu zitieren. In seinem Buch „Und es entsprang ein Fluss in Eden“ schreibt Richard Dawkins: „Das Leiden hat in der Natur jedes Jahr ein Ausmaß, das alle erträglichen Vorstellungen übersteigt. In der Minute, in der ich diesen Satz niederschreibe, werden Tausende von Tieren bei lebendigem Leibe gefressen; andere laufen bebend vor Angst um ihr Leben; wieder andere werden langsam und von innen heraus durch gefräßige Parasiten zugrunde gerichtet. Tausende von Lebewesen aller Arten sterben an Hunger, Durst und Krankheiten.“

Charles Darwin, der im Film übrigens wunderbar von Paul Bettany verkörpert wird, war freilich nicht der erste, dem das Leid der Tiere als ein Einwand gegenüber der Güte Gottes erschien. So schloss sich beispielsweise schon der französische Philosoph Nicolas Malebranche bewusst der berühmt-berüchtigten Auffassung von René Descates an, wonach Tiere seelenlose Automaten seien, die keinerlei Gefühle kennen würden. Denn wie, so fragte er, sollte man sonst erklären, dass ein gerechter Gott unschuldige Tiere leiden lässt?

Inzwischen dürfte es wohl kaum noch jemanden geben, der bestreiten würde, dass zumindest höhere Lebewesen, wie insbesondere die Säugetiere, Schmerzen empfinden können. In einem neuen Versuch, das Leiden der Tiere mit der Güte Gottes in Einklang zu bringen, hat der Theologe Eugen Drewermann jedoch kürzlich einen ganz ähnlichen Weg beschritten. Er behauptet, dass Tiere, die in freier Wildbahn gerissen werden, nicht leiden. Seiner Ansicht nach versterben die Beutetiere bereits, bevor die Raubtiere sie zu zerfleischen beginnen. Sie sterben an einem, wie er es nennt, „Vagus-Tod“, einem plötzlichen Herzversagen, das im Zustand absoluter Ausweglosigkeit einzutreten pflege: „So kann eine Antilope sterben, noch ehe die Pranken der sie verfolgenden Löwin sich in ihr Fleisch schlagen.“

Ich will nicht in Abrede stellen, dass es solche Todesfälle geben mag. Doch wie jeder, der schon einmal eine Dokumentation über das Leben in der Serengeti gesehen hat, weiß, ist das keineswegs die Regel. Anders als Löwen sind Hyänen beispielsweise außerstande, ihre Opfer mit einem einzigen Biss zu töten. Zumeist dauert es zwanzig qualvolle Minuten, bis ein von einem Rudel von Hyänen zur Strecke gebrachtes Zebra endlich stirbt.

In seinem erwähnten Buch „Und es entsprang ein Fluss in Eden“ hat sich übrigens auch schon Richard Dawkins mit der Idee eines „Vagus-Todes“ beschäftigt: „Wäre die Natur freundlich“, schreibt er, „würde sie wenigstens ein kleines Zugeständnis machen und die Tiere betäuben, bevor sie bei lebendigem Leibe gefressen werden. Man könnte sich leicht ein Gen vorstellen, dass beispielsweise die Gazelle sediert, wenn sie im Begriff ist, den tödlichen Biss zu erleiden. Würde die natürliche Selektion ein solches Gen fördern? Nein, es sei denn, durch die Beruhigung der Gazelle steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gen an zukünftige Generationen weitergegeben wird. Wie das geschehen soll, ist schwer zu erkennen, und deshalb müssen wir annehmen, dass Gazellen schreckliche Schmerzen und Ängste erdulden, wenn sie zu Tode gejagt werden – und dieses Schicksal steht den meisten von ihnen bevor.“    

Von all den christlichen Apologeten, die sich mit dem Theodizee-Problem auseinandergesetzt haben, hat sich wohl niemand so sehr mit der Frage nach dem Leid der Tiere beschäftigt wie der irische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller C. S. Lewis. In seinem 1940 erschienenen Buch „Das Problem des Schmerzes“ hat er den Tieren ein ganzes Kapitel gewidmet. Gleich im ersten Absatz stellte er die theologische Herausforderung durch das Leiden der Tiere in aller Fairness dar:

„Die ganze Zeit aber dringt eine Klage von unverschuldetem Weh durch die Wolken, weil die christliche Deutung des menschlichen Schmerzes nicht auf den Schmerz der Tiere ausgedehnt werden kann. Soweit wir wissen, sind Tiere weder der Sünde noch der Tugend fähig; und also leiden sie weder zu Recht, noch können sie durch Leid gebessert werden.“

Nahezu ein Jahrhundert nach Charles Darwins „Die Entstehung der Arten“ lehnt Lewis auch den Gedanken ab, dass das Leiden der Tiere eine Folge der Erbsünde und Adams Fall sei:

„Dies ist nicht mehr möglich; denn wir haben guten Grund anzunehmen, dass die Tiere lange vor den Menschen existiert haben. Fleischfresserei mit allem, was daraus folgt, ist älter als die Menschheit.“

Obgleich sich Lewis davor scheut, die Erbsünde ins Spiel zu bringen, nimmt er seine Zuflucht dann aber letztlich doch bei „Satan“ und der „Macht der Finsternis“:

„Gibt es, wie ich glaube, eine solche Macht, dann ist es durchaus möglich, dass sie die Schöpfungsordnung der Tiere schon vor dem Auftreten des Menschen verdorben hat.“  

Gewiss ist dies möglich! Doch philosophisch ist es eine reine ad hoc Annahme. Hier wird einfach an die „Macht der Finsternis“ appelliert, ohne auch nur den geringsten Versuch zu unternehmen, deren Existenz zuallererst zu begründen. Noch wird die Frage angesprochen, weshalb der Schöpfer einem übelwollenden Teufel eigentlich Macht über seine Kreaturen einräumen sollte.

Lewis scheint sich der Schwäche seines Arguments denn auch bewusst zu sein, wenn er schließlich sogar über die „Unsterblichkeit der Tiere“ zu spekulieren beginnt. Doch dass Gott sich genötigt fühlen sollte, die Tiere im Himmel für ihr Leiden auf Erden zu entschädigen, kommt freilich einer Kapitulation vor dem Theodizee-Problem gleich.

Ein metaphysikfreier Versuch einer Theodizee ist unlängst von dem britischen Philosophen Michael Ruse unternommen worden. Obgleich selbst Atheist, hat sich Ruse in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einem Gegenspieler von Dawkins entwickelt. Dessen Buch „Der Gotteswahn“ kommentierte er mit der Bemerkung, dass es eine „Schande für den Atheismus“ sei. In seinem Buch „Can A Darwinian Be A Christian?“ versucht Ruse denn auch Dawkins mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Hierzu greift er Dawkins’ Bemerkung auf, dass, wo auch immer wir im Universum auf Leben stoßen sollten, es sich dem Prozess der Evolution durch natürliche Selektion verdanken werde.

Geradezu triumphierend behauptet Ruse, dass Dawkins mit dieser Bemerkung den Christen unfreiwillig in die Hände gespielt habe: Denn wenn es keine Alternative zur Evolution gebe, habe Gott selbstverständlich auch keine andere Wahl gehabt, als seine Schöpfung den Gesetzen von Mutation und Selektion zu unterwerfen. Dass die Tiere einer „Natur mit Zähnen und Klauen blutigrot“ ausgeliefert sind, sei daher einfach der unvermeidliche Preis der Schöpfung.

Doch dies ist natürlich ein billiger Trick. Dawkins hat nie behauptet, dass es überhaupt keine Alternative zur Evolution gebe. Er hat lediglich gesagt, dass, wo auch immer Leben von selbst entsteht, es sich sicher unter denselben Darwinschen Gesetzmäßigkeiten entwickelt haben wird wie das Leben auf unserer Erde. Davon, dass selbst ein allwissender Gott auf die Evolution durch natürliche Selektion angewiesen sein würde, war nie die Rede. Zu behaupten, dass Gott außerstande gewesen sei, eine Natur zu schaffen, in der es kein Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens gebe, ist erneut eine reine ad hoc Behauptung.

In einem Interview mit der BBC ist der bekannte Tierfilmer Sir David Attenborough einmal gefragt worden, wie er es mit der Religion halte. Denn in keiner seiner Dokumentationen habe er je das Wort „Schöpfer“ gebraucht. Attenborough antwortete, dass er keineswegs blind für die Schönheit der Natur sei. Doch neben den Orchideen, den Schmetterlingen und den Paradiesvögeln sehe er auch einen dreijährigen Jungen in Westafrika, dessen Augapfel von einem Wurm durchbohrt werde und ihn erblinden lasse, bevor er das fünfte Lebensjahr erreicht. „Bereits die Existenz solch parasitärer Würmer scheint mir gegen die Idee eines barmherzigen Schöpfers zu sprechen.“ 

Attenboroughs Antwort erinnert stark an eine Aussage Darwins. In einem Brief an seinen Freund Asa Gray schrieb er einmal: „Ich kann mich nicht zu der Ansicht überreden, dass ein wohlmeinender und allmächtiger Gott die Ichneumonidae ausgerechnet mit der Absicht geschaffen haben soll, dass sie sich im lebenden Körper von Raupen ernähren.“ Die Ichneumonidae sind eine Klasse parasitärer Wespen. Mit einem gezielten Stich lähmen sie die motorischen, nicht aber die sensorischen Nerven einer Raupe, um dann ihre Eier darin abzulegen. Wenn die Larven schlüpfen, fressen sie sich ihren Weg durch den lebenden Körper ihres Wirts.

Wir wissen nicht, ob Raupen Schmerz empfinden können. Doch ich glaube der Grund, weshalb Darwin das Beispiel der Ichneumoniden gewählt hatte, bestand auch nicht darin, zu zeigen, wie sehr Tiere leiden, sondern darin, welche Rückschlüsse wir auf den Charakter des Schöpfers ziehen müssten, wenn wir in der Natur ein Werk Gottes erblicken wollten: Was sagt die Schöpfung von Parasiten, die ihren Wirt von innen auffressen, über den Schöpfer aus?

Die Theologen können sich daher also auch drehen und wenden, wie sie wollen, eine Natur mit Viren, Bakterien und Parasiten, die nicht nur über Menschen, sondern auch über Tiere herfallen, lässt sich einfach nicht mit dem Glauben an einen fürsorgenden und barmherzigen Gott vereinbaren. Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass der Darwinismus den Theismus widerlegt hätte. Keineswegs! Es ist nach wie vor möglich, an einen Schöpfer zu glauben. Doch von diesem Schöpfer ließe sich vieles sagen – dass er gleichgültig, launisch, erbarmungslos, grausam oder gar zynisch sei –, nur eines mit Sicherheit nicht: dass er gütig sei!

Und dies war letztlich auch die Ansicht von Charles Darwin. Seine Idee der Evolution hat ihn nicht zu einem Atheisten, sondern lediglich zu einem Agnostiker werden lassen, der sich bis an sein Lebensende mit der Gottesfrage quälte.

Ein Grund für diese Qual wird im Film „Creation“ denn auch sehr eindringlich dargestellt: Seine Frau Emma, gespielt von Jennifer Conelly, liebt Charles so sehr, dass es ihr förmlich Schmerzen bereitet, sich vorzustellen, dass sie wegen seiner Zweifel im nächsten Leben vielleicht nicht zusammen sein sollten.     

Dienstag, 20. September 2016

Die Kunst, glücklich zu sein




Auf den ersten Blick mag es verblüffen, dass Arthur Schopenhauer, dessen Name zu einem Synonym für Pessimismus geworden ist, eine „Eudämonologie oder Die Kunst, glücklich zu sein“ geschrieben hat. Wie kann ein Mann, der das Leben als eine Sache betrachtet, „die es besser ist hinter sich, als vor sich zu haben“, eine Anleitung zum Glücklichsein verfassen?

Schopenhauers Ansicht nach ist „in der Welt überall nicht viel zu holen: Noth und Schmerz erfüllen sie, und auf Die, welche diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft darin und die Thorheit das große Wort. Das Schicksal ist grausam und die Menschen sind erbärmlich.“

Ist es nicht paradox, dass ein Mann, der diese Welt für ein Jammertal hält, seine Zeit damit vergeudet, eine Kunst zu lehren, die seinem eigenen Eingeständnis nach, nie zum Ziele führen kann?

Das vermeintliche Paradoxon löst sich schnell auf, sobald man einen genaueren Blick auf sein Buch wirft. Dann kann man nämlich erkennen, dass es Schopenhauer auch gar nicht darum zu tun war, eine Anleitung zu geben, wie man sein Glück mehren könne, sondern vielmehr eine Anleitung, wie man sein Unglück verringern könne. Sein Buch besteht lediglich aus Maximen, die es uns ermöglichen sollen, „den Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks“ so weit als irgend möglich zu entgehen. Statt des Titels „Die Kunst, glücklich zu sein“, hätte sein Buch daher auch genauso gut den Titel „Die Kunst, nicht allzu unglücklich zu sein“ tragen können. 



Nach Schopenhauer sind wir alle in Arkadien geboren: „Wir treten in die Welt voll Ansprüche auf Glück und Genuß und bewahren die thörichte Hoffnung, solche durchzusetzen, bis das Schicksal uns unsanft packt und uns zeigt, daß nichts unser ist, sondern alles sein, da es ein unbestreitbares Recht hat nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb, sondern auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja auf die Nase mitten im Gesicht.“ Erst wenn wir erkennen, dass unser Streben nach Glück „einer Jagd nach einem Wilde gleicht, das gar nicht existiert“, hören wir auf, Glück und Genuß zu suchen, und sind allein darauf bedacht, dem Schmerz und Leiden möglichst zu entgehen“.

Die erste Lektion, die Schopenhauer seinem Publikum erteilt, lautet denn auch: „Um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht sehr glücklich zu werden verlange, also seine Ansprüche auf Genuß, Besitz, Rang, Ehre u.s.f. auf ein ganz Mäßiges herabsetze: denn eben das Streben und Ringen nach Glück zieht die großen Unglücksfälle herbei.“

Die zweite Lektion, die wir in unserem Leben zu lernen haben, ist, uns selbst zu erkennen. „Ein Mensch muß wissen, was er will, und wissen, was er kann.“ Solange jemand sich selbst nicht kennt und über seine eigenen Vorlieben und Abneigungen im unklaren ist, wird er nämlich „manchen um eine Lage und Verhältnisse beneiden, die doch nur dessen Charakter, nicht dem seinigen, angemessen sind, und in denen er sich unglücklich fühlen würde. Denn wie dem Fische nur im Wasser, dem Vogel nur in der Luft, dem Maulwurf nur unter der Erde wohl ist, so jedem Menschen nur in der ihm angemessenen Atmosphäre; wie denn zum Beispiel die Hofluft nicht jedem respirabel ist.“

Erst wenn man mit seinen eigenen Stärken und Schwächen vertraut ist, wird man aufhören, „mit falscher Münze zu spielen“ und „etwas anderes sein zu wollen, als man ist“. „Nachahmung fremder Eigenschaften und Eigentümlichkeiten ist“ nach Schopenhauer „viel schimpflicher als das Tragen fremder Kleider: denn es ist das Urteil der eigenen Wertlosigkeit von sich selbst ausgesprochen.“ Schopenhauer gemahnt uns in diesem Zusammenhang denn auch noch einmal an Goethes berühmtes Wort aus dem „Faust“:

Du bist am Ende, was du bist.
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken:
Du bleibst doch immer, was du bist.


Im Jüdischen gibt es die schöne Redewendung: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen.“ Ganz ähnlich rät Schopenhauer in einer dritten Lektion davon ab, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Wann immer wir Pläne für unser Leben schmieden, sollten wir daran denken, dass unser Schicksal nur sehr bedingt in unserer Hand ist:

„Es ist im Leben wie im Schachspiel: in beiden machen wir zwar einen Plan: dieser bleibt aber ganz und gar bedingt durch das, was im Schachspiel der Gegner und im Leben das Schicksal zu tun belieben wird.“

Ein vierter Ratschlag, den Schopenhauer uns mit auf den Weg gibt, lautet, dass wir das wenige, das uns vergönnt ist, zu würdigen wissen sollten. Statt der Flüche, mit denen wir behaftet sind, sollten wir unsere Segnungen zählen. „Wir müssen es dahin zu bringen suchen, dass wir, was wir besitzen, mit eben den Augen sehn, wie wir es sehn würden, wenn es uns entrissen würde: was es auch sei, Eigentum, Gesundheit, Freunde, Geliebte, Weib und Kind: meist fühlen wir den Wert erst nach dem Verlust. Wir pflegen beim Anblick alles dessen, was wir nicht haben, zu denken, »wie, wenn das mein wäre?«, und dadurch machen wir uns die Entbehrung fühlbar. Statt dessen sollten wir bei dem, was wir besitzen, denken: »wie, wenn ich dies verlöre?«“    

Nachdem er Senecas Ausspruch zitiert: „Niemals wirst du glücklich sein, wenn es dich quält, daß ein anderer glücklicher ist“, schreibt Schopen-hauer: „Nichts ist so unversöhnlich und so grausam wie der Neid: und doch sind wir unaufhörlich bemüht, Neid zu erregen!“

Die fünfte Lektion, die Schopenhauer seinen Lesern mit auf den Weg gibt, lautet daher: Nichts ist unserer Zufriedenheit abträglicher als ein auf Neid abzielendes Streben nach Geld und Ansehen.

„Es ist eine große Thorheit, um nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d.h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit hinzugeben. Man erringt den Wohlstand für gewöhnlich nur auf Kosten seiner Muße: aber was hilft mir der Wohlstand, wenn ich das, was allein ihn wünschenswerth macht, die freie Muße, dafür hingeben soll?“

Wie hinlänglich bekannt, hatte Schopenhauer keine sonderlich hohe Meinung von den Menschen. „Die gewöhnlichen Leute sind bloß darauf bedacht, die Zeit zuzubringen, wie dies die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man sie greifen sieht, imgleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation, nicht weniger die vielen Thürsteher und Fensterkucker.“

Da ihm das Fernsehen noch unbekannt war, ereifert er sich insbesondere über das Kartenspiel, das für ihn „der deklarirte Bankrott an allen Gedanken ist: Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. O, klägliches Geschlecht!“  

Trotz seiner zunächst etwas elitär anmutenden Denkweise räumt Schopenhauer -- im großen Unterschied zu allen anderen Philosophen -- der bloßen „Heiterkeit des Sinnes“ jedoch eine weitaus größere Bedeutung bei als den „Fähigkeiten des Kopfes“. Für ihn ist die angeborene Heiterkeit des Gemüts ein unmittelbarer Gewinn: „Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei jung, schön, reich und geehrt; so frägt sich, wenn man sein Glück beurtheilen will, ob er dabei heiter sei: ist er hingegen heiter; so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder pucklich, arm oder reich sei; er ist glücklich.“